Das Bonner Münster

Spiegelbild rheinischer Geschichte als Teil der abendländischen Geschichte

Die Blütezeit des hohen Mittelalters prägte seine heutige Gestalt: Als Großbau aus der Zeit um 1040 bis 1060, der 100 Jahre später durch einen staufischen Neubau – das heutige Münster – ersetzt wurde, breitet er den ganzen Reichtum des „großen Jahrhunderts kölnischer Kirchenbaukunst“ von 1150 bis 1250 vor uns aus.


Die kostbare barocke Ausstattung steigert noch den Eindruck dieses spätromanisch-frühgotischen Raumes und ergibt mit den Bemühungen der jüngsten Zeit ein vollkommenes Werk von großartiger Gesamtwirkung. Bezieht man den römisch-frühchristlichen Ursprung dieser Kirche mit ein, so ist der heutige Bau das sichtbare Zeugnis einer in anderthalb Jahrtausenden gewachsenen und in die Gegenwart und Zukunft hineinwirkenden Stätte des Gebets und des Gottesdienstes – Spiegelbild rheinischer Geschichte als Teil der abendländischen.

 
Spätestens seit der Mitte des 13. Jahrhunderts, als die ummauerte Stadt ihren Stolz auf das Münster zeigte, und es in voller Pracht das Große Stadtsiegel Bonns zierte, ist es das Wahrzeichen der Stadt, bis heute prägend für das Stadtbild von Bonn. Der im Hochmittelalter errichtete, bis heute nahezu unverändert erhaltene Bau, entstand über den Märtyrergräbern der beiden Stadtpatrone Cassius und Florentius. Diese Entwicklung von einer kleinen Kultstätte der spätrömischen Zeit zur ersten Kirchengroßanlage im Rheinland, zu einem bedeutenden Beispiel mittelalterlicher rheinischer Kirchenbaukunst, lässt sich hier, wie an keiner anderen Kirche des Rheinlandes, lückenlos verfolgen.


Um 1040 dürfte unter Erzbischof Hermann II. mit einem Neubau begonnen worden sein, der schon heutige Ausmaße hatte. Propst Gerhard von Are war es, der die Kirche um das Chorquadrat mit den beiden Flankentürmen und um die reichgegliederte Ostapsis erweitern ließ. Sein Neubau des 1153 geweihten Münsterchores darf, nach fast 100 Jahren baukünstlerischer Stagnation im Rheinland, als Schöpfungsbau für alle niederrheinischen Chöre - insbesondere der von Köln, bis um 1210/20 bezeichnet werden.


Hinter dieser Form der „staufischen Klassik“ steht eine unmittelbare Verbindung zur römischen Antike, wie sie uns im Kolosseum und am Marcellustheater in Rom besonders deutlich vor Augen tritt. Das am Bonner Chorbau erstmals entwickelte System des Übereinanders zweier Säulenordungen steht somit am Beginn der großartigen Kölner „Etagenchöre“, wie von St. Gereon, Groß St. Martin, St. Aposteln, St. Kunibert.


Der Bautätigkeit von Gerhard von Are, dieses bedeutendsten Propstes des Cassius-Stiftes, ist auch der Kreuzgang mit den Stiftsgebäuden an der Südseite des Münsters zu verdanken – dem überhaupt einzigen aus romanischer Zeit erhaltenen im Rheinland. In dieser Zusammengehörigkeit von Kirche und Kreuzgang ist es ein geradezu einmaliges Beispiel mittelalterlicher rheinischer Kirchenarchitektur.

 

Wie 50 Jahre zuvor die Bonner Ostapsis typenbildend geworden war, so übernahmen jetzt, um 1200, die Bonner Querhausapsiden diese Rolle: Auf Ostchöre übertragen, wurde dieses Motiv des polygonalen Grundrisses mit Betonung der Kanten maßgebend für die rheinischen Chorneubauten von Boppard, Sinzig, Linz bis Kaiserswerth und Essen-Werden.

 
Der Bedeutung des Cassiusstiftes und dem Bildungsstand seiner Kanoniker entsprechend, haben in staufischer Zeit immer neue, wegweisende Bauideen im Bonner Münster zuerst Fuß gefasst und sind von führenden Baumeistern und Bildhauer-Steinmetzten zu schönster künstlerischer Form gebracht worden.

 

Im Gegensatz zu den meisten Kölner Romanischen Kirchen blieb das Bonner Münster im Zweiten Weltkrieg von großen Zerstörungen verschont. Sein prachtvolles barockes Geläut ist das einzige vollständig erhaltene des bedeutenden Glockengießers Martin Legros.

 

Als Ganzes stehen Münster-Kirche und Kreuzgang heute noch so vor uns, wie Romanik und Barockzeit sie geprägt haben, als eines der schönsten und zugleich bedeutendsten Zeugnisse kirchlicher Kunst im Rheinland.

 

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